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Man lehrt sie, sich für die Siege zu schämen …

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Man lehrt sie, sich für die Siege zu schämen …

von Alexej Stepanow
übersetzt von MATUTINSGROUP

rusnext.ru, 27. Februar 2016 – 22:51 Uhr.-   Meine Tochter kam nach Hause von der Schule nach einer Prüfung in Geschichte.

Sie: Papa, kommst Du bitte mal her! Ich prüfe Dich jetzt mal mit dem Thema „Die Sowjetunion in den Jahren von 1945 bis 1953“.

Welche Wissenschaftler entwickelten die Genetikwissenschaften? Welche Literaturzeitschriften schloß Schdanow? Welche großen Schriftsteller schrieben in diesen Literaturzeitschriften? Welcher Streit bestand zwischen Stalin und Wosnessenski? Warum begann man, die Ärzte zu inhaftieren?

Natürlich bestand ich die Prüfung. Wegen dem Wissenschaftler Lyssenko und darüber, aber auch bei der Zerschlagung der Zeitschriften „Svjesda“ und „Leningrad“, welche Achmatow und Sostschenko veröffentlichten, und auch hinsichtlich der „Leningrader Intrige“ und beim „Ärzte-Fall“, worüber ich von einer jungen Person nach der Wende gehört hatte.

Aber dann war ich an der Reihe und stellte ihr Fragen:

Alexej Stepanow: Ist das alles, was Du abzufragen hast? Und haben Sie Dich auch über die Errungenschaften jener Zeit unterrichtet? Welche Fabriken gebaut worden sind? Welche Städte gebaut worden sind? Daß in jedem Frühjahr ein Beschluß über Preissenkungen für Lebensmittelprodukte und Haushaltswaren gefaßt wurde? Ich hörte das Lied von Wyssozki über die Kindheit nach dem Krieg „Es gab eine Zeit, und der Preis sank!“.

Sie, die Tochter: Preissenkungen?! Und wir haben eine Tabelle im Anhang, wonach die Preise in jener Zeit stiegen.

Ich brach darauf hin zusammen und las das Lehrmaterial meiner Tochter, denn ich bekam den Eindruck, daß denen die Geschichte eines ganz anderen Volkes beigebracht wird.

Alexej Stepanow: Denk doch mal nach, was Lyssenko, Wosnessenski, Wowski und die alle sowie die Zeitschriften „Svjesda“ und „Leningrad“ zum Leben Deiner Urgroßeltern jemals beigetragen hatten? Wie hatten sie es beeinflußt? Höchstwahrscheinlich wohl überhaupt nicht, in keiner Art und Weise.

Laß uns jetzt mal über das wirkliche Alltagsleben nach dem Krieg sprechen. Die Spuren dieses Lebens sind jetzt immer noch um uns alle herum sichtbar. Da muß man einfach nur mal hinschauen.

Welche Straße in unserer Stadt ist die schönste Straße? Richtig, das ist die Leninallee! Und auch noch die Verbindungsstraßen Kirow und Kutusow.

Sie alle stammen aus dieser sogenannten „stalinistischen Architektur“. Und dies in jeder beliebigen Stadt, wo Du jemals reinfährst: in Woronesch, Kursk, Tula, Moskau. Dort überall unterscheiden sie sich durch den Baustil der Nachkriegsviertel.

Das Haus, wo Deine Großeltern in der Siedlung der Metallarbeiter aufwuchsen, wurde auch zu jener Zeit gebaut. Die Wohnungen sind mit hohen Decken, großen Küchen, Balkon, großen Fenstern ausgestattet. Diese Immobilien gab es nicht für ein paar „Privilegierte“, sondern für die einfachen Arbeiterfamilien und die normalen Maschinenbau-Ingenieure.

Und dies wurde nicht nur wegen der Paraden der „Stalinverehrer“ gebaut. Schau Dir mal den privaten Bereich an. Rudnaja Uliza, Sortirowotschnaja Uliza, Bunkernaja Uliza bis zum Scheglowski, dort ziehen sich einstöckige Eigenheime hin, welche nach dem Krieg gebaut worden sind. Gab es damals Bettler, die unterernährt waren? Ja, es gab die Unterernährten. Aber wieviele konnten Behausungen bauen?

Jetzt erinnere Dich bitte mal, wenn wir in die Siedlung zu Deiner Oma Ira reinfahren. Dort wird von den Pappeln zwischen der Straße und dem Teich eine feste Windschutzwand gebildet. Und überall zwischen Straßen und Feldern ziehen sich dieselben Baumgürtel entlang. Ahornbäume, Akazien und andere Baumarten.

Woher kamen sie? Meinst Du, daß sie immer dort gewachsen sind?

Nein, sie traten erst nach dem Krieg in Erscheinung. 1946 gab es eine schwere Dürre. Einige Leute starben sogar wegen Hungersnot.

Und dann wurde von Stalin ein Plan beschlossen, die Natur umzugestalten. Die Steppe sollte vor den Wüstenstürmen geschützt werden. Etliche Tausende Kilometer lang sind Windschutz-Baumgürtel angepflanzt worden. Deine Großeltern versorgten diese jungen Setzlinge und Pflanzungen als Mitglieder der Pionierorganisation. Seitdem bringen Dürreperioden keine schweren Folgen mehr mit sich, weil die Baumschutzgürtel uns davor schützen.

Übrigens war die Entscheidung zum Bau des Nord-Krim-Kanals, welcher die trockene Steppe der Krim mit Wasser versorgt, und über welchen jetzt die Diskussion von der Ukraine und auch Rußland geführt wird,- diese Entscheidung war auch Teil jenes Plans.

Schau auch noch auf die Krankenhäuser in unseren Stadtbezirkszentren. Du wirst leicht die „stalinistische Architektur“ in ihnen erkennen. In jeder Kleinstadt gab es eine solche Poliklinik als medizinisches Behandlungszentrum. Ja genau, und darunter auch jenes Krankenhaus, in welchem Dein Papa geboren wurde.

Doch ist es nicht der Fall, daß sie alle immer noch solide aussehen würden. Viele sind seitdem umgebaut und sogar geschlossen worden. Die Tatsache, daß sie dank der Entwicklung der Medizin die Kindersterblichkeit binnen 10 Jahren ab Kriegsende um das Sechsfache verringerten, ist eine Tatsache.

Vor dem Krieg starben 30% der Kinder an Krankheiten. Denk darüber mal nach! Jedes dritte Kind! Denke an Deine Gruppe im Kindergarten. Und stell Dir vor, daß dort fünf Kinder nicht mehr leben würden. Ein Gedanke, der Angst einjagt, stimmt’s?

Aber 1955 war die Kindersterblichkeitsrate auf 5% gefallen. Aus den Familien Deiner Großeltern starb kein Kind mehr nach dem Krieg. Und zählt man die verstorbenen Brüder und Schwestern unter den Kindern Deiner Urgroßeltern zusammen, dann sind nicht genug Finger an unseren Händen!

Dies sind die Tatsachen, wie sich die Dinge im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Jetzt kommt es uns so vor, als sei all dies eine ganz normale Sache. Ist ein Kind erst mal geboren, dann ist die Medizin verpflichtet, es zu schützen. Aber damals war das ein gewaltiger Fortschritt.

Laß mich bei Dir in Erinnerung rufen, daß wir aus den Ruinen des Krieges wiederauferstanden sind.

Von den Tatsachen her verdarben Lyssenko und Prezent die Entwicklung der Genetik. Ich räume ein, daß dies sehr schlecht war. Aber wurde die Genetik durch unsere Wissenschaft vergeudet? Das wissenschaftliche Wachstum war phantastisch!

Ist es nicht erstaunlich, daß wir es binnen vier Jahren in diesem verwüsteten Land mit den US-Amerikanern aufnahmen, indem wir gelernt hatten, die Atombomben selbst zu bauen? Als Hersteller der noch stärkeren Wasserstoffbombe überholten wir die USA.

Aber wir produzierten nicht nur Atomwaffen, sondern auch erstmals in der Welt die friedliche Nutzung der Kernkraft. Das erste Kernkraftwerk in Obninsk ging 1954 in Betrieb.

Und bei Deiner Prüfung wurden Dir keine Fragen diesbezüglich gestellt?

1946 wurden in unserem Land die ersten Jets gebaut. Das waren die Mig-9 und Jak-15. 1954 lief bereits die Mig-19 in der Massenfertigung. Sie konnte schneller als die Schallgeschwindigkeit fliegen. Ging es darum auch bei Deiner Leistungskontrolle?

In beschleunigtem Tempo entwickelte sich die Industrie. Sieben Jahre nach dem Sieg förderten wir doppelt so viel Kohle wie vor dem Krieg. Alle unsere Nachbarstädte entstanden damals als Bergbaustädte: Suworow, Kimowsk, Kirejewsk, Lipki, Sowjetsk. Was über das gesamte Land verteilt etliche hunderte neugebaute Städte ausmachte.

Ich erzähle Dir dies alles gerade und denke mir, warum mache ich das? Warum sagen wir immer, daß wir in einem freien Land mit einem freien Informationsfluß leben, aber dem eigenen Kind muß man die Geschichte des eigenen Volkes als eine Offenbarung erzählen? Ist das nicht fast schon wie ein verschwörerisch anmutendes Mysterium, welches nicht in den Büchern steht und selten über das Fernsehen erklingt?

Welche Vorstellung werden die Kinder beim Lesen dieser Bücher von ihren Vorfahren haben? Daß in „diesem Land“ Zweihundertmillionen Geistesschwache lebten, welche ständig unterdrückt worden waren, denen die Zeitschriften und die Genetik, die Schriftsteller und die Ärzte genommen wurden? Und als derjenige verstarb, der all diese Untaten verzapft hatte, verfielen sie alle in Trauerstimmung anstatt Freudentänze zu vollführen?

Was sonst außer Beschämung soll den Schülern mit so einem Geschichtsunterricht vermittelt werden?

Sich zu schämen der gewaltigen Veränderungen, der beispiellosen Siege und Erfolge ?!

Ich war vor wenigen Jahren in Polen und kaufte mir dort aus eigenem Interesse ein Lehrbuch für den Unterricht. Offenbar ist Polen als Land gegenüber der sozialistischen Epoche noch feindseliger eingestellt. Womit unterrichten sie dort ihre Kinder diesbezüglich? Denken Sie, daß sie auf ihre sowjetische Vergangenheit schimpfen? Nicht richtig geraten.

Beschimpfungen gibt es nur gegenüber der UdSSR. Aber die Volksrepublik Polen und ihre kommunistischen Führer werden gelobt dafür, wie sich die Industrie entwickelte, daß Kindereinrichtungen gebaut wurden, den Studenten die höhere Bildung kostenlos zugänglich war. Ja, und noch viel mehr davon.

Das ist ein nationaler Ansatz. Wir müssen unsere Vorfahren respektieren, stolz auf ihre Erfolge und Siege sein. Und dabei spielt keine Rolle, welche Farbe auf der Fahne war, unter welcher sie diese Erfolge und Siege errangen.

Außerdem haben wir damit etwas, worauf wir stolz sind.

PS: Man muß mich nicht den Stalinisten zuschreiben. Klammern Sie diesen Namen aus, denn um ihn geht es gar nicht in diesem Artikel. Ich schlage uns allen einfach nur vor, die Vergangenheit nicht als eine Geschichte Stalins und Wosnessenskis, Lyssenkos und all derer zu sehen, sondern sie als eine Geschichte unserer eigenen Vorfahren, Verwandten und Landsleute zu sehen. Und dann fällt schon alles auf seinen richtigen Platz.

Quelle: http://rusnext.ru/recent_opinions/1456602712

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