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Experten – Wie wird sich der Krieg in Syrien entwickeln?

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Experten: Wie wird sich der Krieg in Syrien entwickeln?

von Viktor Sokirko
übersetzt von MATUTINSGROUP

Swjesda, 19. Oktober 2015 – 08:18 Uhr.-   Über die Entwicklungen in Syrien und insbesondere die Beteiligung der russischen Streitkräftegruppierung am Konflikt mit dem IS kann man sich mehrmals täglich in den Nachrichten informieren. Und die Erfolge der syrischen Regierungsarmee, die mit der effektiven Unterstützung der Luftwaffe letztendlich vorzustoßen begann, sind auch bekannt. Die andauernde Offensive in Aleppo läuft, wo die syrische Armee gemeinsam mit iranischen und libanesischen Verbündeten in Gefechten mit den islamistischen Kämpfern in nur 12 Kilometer Entfernung von der Stadt steckt. Einige Hauptziele bestehen darin, dass die Enklaven der Islamisten innerhalb kontrollierten Territoriums verbleiben und die direkten Strassenverbindungen zwischen den Großstädten Syriens wie Aleppo, Homs, Damaskus und Latakia abgesichert werden.

Jetzt über einige dramatische Veränderungen im Krieg zu reden, ist recht schwierig. Ja, es gibt gewisse taktische Erfolge. Aber erwähnenswert ist die Langsamkeit des Vorstoßens der syrischen Armee. Es wird ein Blitzkrieg erklärt, während niemand in Eile ist. Weder die Syrer als Unterstützer von Präsident Baschar al-Assad noch das russische Militär. Nur eine Sache ist klar: Syrien ist unser letzter Stützpunkt.

Einige Besonderheiten wurden von Rußlands Präsident Wladimir Putin dargelegt, der in seiner Einschätzung der Teilnahme auf Einladung des legitimen Präsidenten des Landes in Syrien stationierter russischer Truppen am Einsatz folgendes hervorhob: „Der Einsatz hat genau festgelegte Grenzen. Die Luftwaffe und die anderen Einsatzmittel werden ausschliesslich gegen die Terrorgruppen eingesetzt. Es gibt auch ein zeitliches Limit für den Zeitraum, in welchem die syrischen Truppen die Offensivhandlungen gegen die Terroristen durchführen.“ Bei all dem zieht unser Präsident es vor, weitergehendere Prognosen für einen längeren Zeitraum nicht abzugeben. Für den Osten, jeglichen Osten weltweit ist dies äusserst unvorhersehbar.

Aber das ist eine geringe Zurückhaltung. Während vor der russischen Teilnahme im Kampf gegen den IS in Syrien alle Prognosen für dieses Land nur Verwirrung und weitere Eskalation des Islamismus in der gesamten Region des Mittleren Ostens und Nördlichen Afrika bescheinigten, haben jetzt sogar die pessimestichen Prognosen den Ton geändert. Metaphorisch gesprochen hat Syrien trotz seiner entfernten Lage dennoch ein Licht am Ende des Tunnels gesetzt. Es wird klar durch die Meinung der Experten bestätigt, dass durch die Teilnahme der russischen Armeeführung im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) sich das Kräftegleichgewicht im Gebiet geändert hat. Viele haben vorausgesagt, dass das Risiko für Russland „sich aufgelöst hat“.

Einer der Vergleiche ist der Krieg der Sowjetunion in Afghanistan, welcher 10 Jahre dauerte und 15.000 sowjetische Soldaten sowie über eine Million Afghanen ihr Leben kostete. Und das Ziel wurde nicht erreicht, wie es heisst. Daraufhin scheiterte auch die von den USA angeführte westliche Koalition, die verkündeten Kriegsziele zu erreichen. Und in Afghanistan läuft noch immer ein Bürgerkrieg, in dem momentan am aktivsten die Taliban sind, welche die US-Amerikaner zerschlagen wollten.

„Dieser Vergleich ist völlig falsch“, sagte Generaloberst Boris Gromow, der im Februar 1989 die Truppen der 40. Armee befehligte und aus Afghanistan abzog. „Wir zogen aus Afghanistan ab. Aber wir wurden nicht besiegt. Sondern wir taten dies auf direkten Befehl der Führungsspitze des Landes. Nicht von ungefähr äussern sich die Afghanen über die sowjetischen Kämpfer schmeichelhaft, die vor einem Vierteljahrhundert dort kämpften. Und selbst beim Abzug aus Afghanistan hinterliessen wir eine besondere Sicherheitsgewähr für den damaligen Präsident Nadschibullah, der die Stabilität erhalten und selbst den Taliban und Mudschaheddin widerstehen konnte. Warum sich die Situation später dramatisch verändert hat, ist eine ganz andere Sache.

Auch in Syrien ist die Situation anders seit dem Eingreifen unserer Luftstreitkräfte-Gruppierungen. Ich persönlich meine, dass es die richtige Entscheidung ist, sich einem so schwerwiegenden und heimtückischen Gegner wie dem IS entgegenzustellen. Wie man im Großen Vaterländischen Krieg zu sagen pflegte, schlägt man den Feind am besten auf seinem eigenen Territorium. Mir scheint, dass unsere Luftstreitkräfte-Gruppe in Syrien noch verstärkt werden kann, denn die Wirksamkeit der Luftangriffe verhalf zum Durchbruch in dieser Situation und ermöglichte den offensiven Einheiten der syrischen Armee vorzustoßen.

Und das Eine möchte ich besonders hervorheben: Unsere Armee darf keinesfalls in einen Bodenkrieg in Syrien hineingezogen werden. Dies könnte vor allem auf politischem Gebiet schwere Folgen haben. Auf militärischem Gebiet bis zu einem kleineren Ausmaß, denn die Vorbereitung der derzeitigen russischen Armee wird jetzt über Gebühr hochgelobt. Aber Verluste wären unvermeidlich. Und was am wichtigsten ist, die anschliessende Führung des Partisanenkriegs durch die Bevölkerung vor Ort wäre unvermeidlich. Genau dies machten wir in Afghanistan durch. Dort wurden wir erst mit Blumen begrüßt, aber dennoch griffen die Afghanen zu den Waffen.“

„Von den Tatsachen her ist die Sache in Anbetracht der historischen Parallelen höchst riskant. Und sie sollte in Anerkennung nicht nur der Ähnlichkeiten, sondern auch der Unterschiede in den verglichenen Situationen gemacht werden. Ohne dies ist dies nicht zu beherrschen.“ Dies sagt der Leiter des Zentrums für die Analyse von Strategien und Technologien (AST), Ruslan Puchow, welchen wir baten, die Entwicklung der Situation vorherzusagen:

„Ich gebe Ihnen zwei gute Beispiele, die mit der Lage in Syrien sind. Erstens, der Bürgerkrieg in Algerien von 1991 bis 2002. Dort begann alles damit, dass die Wahlen von den Islamisten gewonnen wurden, welche der Regierungsarmee gegenüberstanden. Der Generalstabschef sagte: ‚Es ist besser, wenn wir zwei Millionen Algerier töten, aber ein weltlicher Staat bleiben.‘

Verschiedenen Schätzungen zufolge beginnen die Opferzahlen beim Konflikt in Algerien bei ungefähr 220.000 Menschen, darunter 70 Journalisten. Der Konflikt endete mit dem Sieg der Regierung, nachdem die Islamische Heilsfront das Kriegsende verkündete, dann aber die ‚bewaffneten islamischen Gruppen‘ von den Regierungstruppen zerschlagen wurden. Dennoch gehen die Gefechte in wenn auch niedriger Intensität in Algerien weiter.

Das zweite Beispiel ist der Bürgerkrieg in Angola von 1975 bis 2002. Das war ein grösserer Konflikt zwischen drei rivalisierenden Fraktionen: der MPLA, der FNLA und der UNITA. Auf Seite der MPLA waren an diesem Konflikt auch sowjetische Militärberater beteiligt, und zwar auch mit unserer militärischen Technik und Waffen. 2002 akzeptierten die Führungen die Friedensbedingungen, wie sie von der herrschenden MPLA vorgelegt worden waren. Und es gab eine legitime Opposition. Der bewaffnete Konflikt war vorbei.

Es gab tragische Beispiele. Als sich 1989 die sowjetischen Truppen aus Afghanistan zurückzogen, hinterliessen sie Präsident Nadschibullah ein Erbe in Form eines grossen von ihm beherrschten Territoriums, einer gut bewaffneten Armee und einer gemäßigten Opposition. Die Situation in Afghanistan entwickelte sich in den beiden folgenden Jahren hinreichend stabil. Trotz prognostizierten alsbaldigem Sturz der Regierung hielt sie sich am Leben. Dies auch mit Hilfe Russlands.

Aber 1992 überzeugte einer der freien Berater des Regierungschefs, Gaidar, alle Welt davon, dass es gut läuft und das Regime von Nadschibullah keine Hilfe an Munition, Kampftechnik und Lebensmitteln braucht. Und bald darauf fiel die völlig loyale Regierung in Afghanistan, wobei der Präsident gehängt wurde. Was in diesem Land vor sich geht, ist gut bekannt.

Dies alles sind die historischen Analogien mit dem schon völlig feststehenden konkreten Finale. Aber betreffs Syrien ist die Sache noch nicht am Ende.

Von einer Unbestimmtheit der Entwicklung der Situation in Syrien auch mit der Beteiligung der russischen Luftstreitkräfte-Gruppierung sprechen viele Experten. Wahrscheinlich deswegen, weil kurzfristig in diesem Land keine kardinalen Veränderungen geschehen sind. Weder die Wahrscheinlichkeit von nicht nur Bündnissen Russlands und der USA an der Front des Kampfes gegen ISIS noch ein banales Zusammenwirken zwischen unseren Ländern ist erreicht worden: die US-Amerikaner bestehen hartnäckig auf ihrem Kurs und verteidigen ausschliesslich ihre persönlichen Interessen.

Diese ‚Interessen‘ haben in den letzten mehr als vier Jahren lediglich das militärische Potential der Islamisten gestärkt. Und wie sich herausstellte, trafen die Luftschläge der Koalition größtenteils die Zivilbevölkerung und nicht die IS-Kämpfer. Es ist ganz offenbar, dass den USA Baschar al-Assad unerwünscht ist. Und dass Barack Obama bereit war, ihn nicht nur durch das Vorgehen der gemässigten syrischen Opposition zu stürzen, sondern gar durch den IS. Über die danach folgenden Streiche dieses von den US-Amerikanern hervorgebrachten ‚Kindes‘ im Mittleren Osten wurde dabei nicht nachgedacht. Jetzt hat die legitim gewählte Regierung in Syrien die Unterstützung seitens Russlands, Irans und Libyens, die zumindesten die Legalität der amtierenden Regierung des Landes sicherstellen.

Als inoffizielle Prognose der Entwicklung der Ereignisse in Syrien und im Nahem Osten können wir diese Variante insgesamt ansehen. Vor dem Hintergrund der Aktivierung Baschar al-Assads in Syrien werden sich möglicherweise die einstigen Gegner Iran und Irak annähern. Und sie können gegen Saudi-Arabien vereinigt werden, das jetzt wie IS auch die syrische Opposition aktiv finanziert. Und wenn wir den jetzt gefestigten Einfluss Russlands und seine militärischen Möglichkeiten berücksichtigen, so kann vermuten werden, dass sich die weltweiten Preise für das Erdöl, welche jetzt konkret von Saudi-Arabien und der USA weitgehend abhängig sind, durch die Teilnahme Moskaus an der weltweiten Rechtsordnung bestimmt werden. Aber das ist nur die inoffizielle Prognose der Folgen des Krieges in Syrien.“

„Es war unmöglich, am 22. Juni 1941 den Ausgang des Grossen Vaterländischen Krieges vorherzusagen“, meinte der Leiter des unabhängigen Forschungszentrums „Institut des Mittleren Ostens“, Jewgenij Satanowski. „Genauso wird jetzt niemand übernehmen, die weitere Entwicklung der Situation in Syrien vorherzusagen. Aber auf jeden Fall werden alle nachfolgenden Ereignisse in diesem Land die Veränderungen der weltweiten Ordnung beeinflussen. Viel mehr geschehen sie schon seit langem. Und Russland ist in dieser gesamten Geschichte auf dem richtigen Weg.“

Verfasser: Viktor Sokirko
Foto: Russisches Verteidigungsministerium

Quelle: http://tvzvezda.ru/news/forces/content/201510190807-ndpv.htm

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