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Syrien

Um Bassar Al-Assad zu retten

Ein interessantes Interview von Artur Awakow mit einem russischen Freiwilligen, der in Syrien für Bashar al-Assad kämpfte

Um Bassar Al-Assad zu retten

von Coronel Cassad

übersetzt von MATUTINSGROUP

Livejournal, 10. September 2015 – 09:05 Uhr.-   In den Medien gibt es häufig Geschichten darüber, wie Leute aus dem einen oder anderen Grund für ISIS in den Krieg ziehen. Bei den Russen weiss man fast nichts über jene, die derzeit gegen diese Plage des 21. Jahrhunderts in ihrem Haus ankämpfen. Wir sprachen mit Michelle Misach, einem 25 Jahre alten Bürger Russlands und Syriens, welcher vor wenigen Tagen aus Damaskus zurückkehrte, wo er bei der Miliz-Einheit der Regierungstruppen namens „Shabiha“ an den Kampfhandlungen teilgenommen hatte.

Foto: Syriens Präsident Bashar Al-Assad spricht mit Soldaten

Frage: Warum haben Sie sich entschlossen, nach Syrien zu gehen?

Antwort: Mein Vater stammt aus Syrien. Und dort sind viele Angehörige, mit denen wir täglich Kontakt haben. So wird in beiden Ländern gelebt. Wir sind Christen. Mein zweiter Cousin kämpft derzeit in der syrischen Armee. Mein Onkel und meine Tante waren Zivilpersonen und wurden 2012 im Gebiet Kalamun getötet. Deshalb quälten mich Gewissensbisse, wenn ich die Nachrichten sah … seit drei Jahren wollte ich dorthin reisen, aber immer stand da etwas im Weg,- die Frau, die Arbeit. Erst jetzt stimmten die Sterne zu und ich bekam ein freies Fenster.

Frage: Und als der arabische Frühling begann, wie verhielt sich Ihre Familie demgegenüber?

Antwort: Zuerst behandelte die Familie die Protestierenden mit Sympathie. Aber dann stellte sich heraus, dass die kompromisslose weltliche Opposition die Interessen der Türkei und der arabischen Monarchien verteidigt. Hinzu kam, dass die Perspektiven einer Islamisierung des Protests vielen sichtbar wurden und sie sie fürchteten.

Wohl wie alle normalen Leute hat unsere Familie und haben alle meine Freunde und Bekannten in Syrien konsequent eine ablehnende Haltung gegenüber den Wahhabiten und generell gegenüber jeglichem religiösen Extremismus.

Syrien ist in einem Krieg gegen Assad und gegen die Zivilisation an sich. ISIS zwingt das Volk in die Sklaverei und schlägt Menschen an das Kreuz, verhängt mittelalterliche Steuern gegen die Christen, tötet die Schiiten und die Alawiten an Ort und Stelle. Wollen Sie unter dem Gesetz der Scharia leben, wegen Zigaretten und Alkohol getötet werden, und wegen Tragens von Jeans mit Knüppeln auf dem zentralen Platz der Stadt geschlagen werden? Niemand will dies!

Und wir wissen, dass dies kommen wird, sofern Damaskus fällt.

In Raqqah läuft es so ab, wie die Einwohner vor Ort sagen. Zwischen unseren Orten verkehren immer noch die Busverbindungen, so dass wir die Alternative zu Assad sehr gut kennen.

Ich habe in Damaskus ein Mädchen getroffen, die erst 20 Jahre alt war. Die letzten drei Monate verbrachte sie in der Sklaverei unter den Islamisten. Einer ihrer Kommandeure hatte sie gekauft und machte sie zu seiner Konkubine. Und als er starb, wurde sie als „Erbe“ seinem Nachfolger übergeben. Wie ein Wunder gelang es ihren Angehörigen, sie freizukaufen.

Frage: Wussten Sie, wohin Sie gehen würden? Hat man sie dort erwartet?

Antwort: Natürlich. Ca. zwei Monate vor meiner Abreise habe ich durch die Freunde meiner Familie meinen zukünftigen Kommandeur in der Milizeinheit an der Seite der Armee ausgemacht. Dies war dieselbe Einheit „Shabiba“, welche die UN 2012 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagte.

Konkret erzählte ich ihm in den zwei Monaten über mich selbst. Wer ich bin, was ich kann, warum ich dorthin kommen will und so weiter. Und er erklärte mir, was mich dort gerade erwarten würde, was ich tun würde und solche Dinge.

Ich wollte in die Armee. Aber meine Entscheidung zur Mobilmachung kam zuletzt, weil ich der einzige Ernährer in der Familie war, und so sollte ich in dieser Woche noch nicht dorthin.

Mein Bruder diente bereits seit drei Jahren dort in der Armee. Aber selbst die Verwandten dort konnten ihn nicht sehen. Denn an der Front gibt es keinen Urlaub und keine Pause.

Frage: Gehen nur Syrer zur Miliz oder ist dies eine internationale Brigade?

Antwort: Sie kommen auch aus dem Libanon und aus Iran. Denn sie verstehen, dass sie die Nächsten sein werden, wenn Syrien fällt. Sie unterstützen uns mit militärischen Beratern und Waffen-Nachschub. Die gesamte „Schiiten-Achse des Übels“ ist für uns! Aus dem Rest der Welt habe ich keine Kämpfer gesehen.

Wie ich mir dachte, genehmigt die syrische Botschaft in Russland solche Themen nicht. Vielleicht liegt dies an den Gerüchten, die wegen einer sog. „Russischen Legion“ zirkulieren, die vor etlichen Jahren von jemandem in St. Petersburg für den Kampf für Assad angeheuert wurde. Aber als sie in Damaskus ankamen, verhielten sich die Russen würdelos. Diese Legionäre kehrten heim und begannen kriminelle Dinge aus ihrem Söldnertum heraus.

Generell ist die legale Teilnahme am Krieg für Syrien nur möglich, wenn man die syrische Staatsangehörigkeit hat oder dies auf Regierungsabkommen gegründet ist. Aber auf der Seite der Islamisten geht es wirklich international zu. Sie stürzen sich von allen Seiten auf uns.

Frage: Wie begegnete Ihnen Damaskus?

Antwort: Ich landete auf dem inernationalen Flughafen in Damaskus. Und das Erste, was ich sah, war die grosse Zahl an Soldaten und Milizangehörigen. Aber das zivile Leben geht weiter. Im Zentrum der Stadt laufen die Leute ohne Angst durch die Strassen trotz der regelmäßigen Mörserangriffe.

In den christlichen Gegenden ist die Lage erheblich komplizierter, aber die Geschäfte arbeiten derzeit normal. Meine Einheit lag recht nahe an diesen Gegenden in den nordöstlichen Vororten von Damaskus, gegenüber vom Ratsbezirk, welcher völlig von den Islamisten besetzt worden ist. Dort lebten schon immer religiöse Radikale. Daher war niemand überrascht, dass es dort einen derartigen Nährboden für die radikalislamischen Kämpfer gab. Doch während meiner Zeit dort war das Gebiet bereits in einen Belagerungsring eingeschlossen. Und der Feind hatte keine Fluchtmöglichkeit. Daher war es für mich relativ leicht im Vergleich zu dem, was in Nordsyrien derzeit passiert.

Frage: Wenn von „Miliz“ geredet wird, denken die Leute an eine bunte Truppe aus einigen Uniformierten und Bewaffneten. Ist „Shabiha“ so etwas ähnliches?

Antwort: Nein, natürlich nicht. Mir wurde die standardmäßige Munitionszuteilung der Armee übergeben. Ich wurde eingewiesen und in die Stellung befohlen. Zum Sättigen gab es auch etwas. Gut, wenn man essen kann, geht das natürlich, weil die Nerven oftmals angespannt sind. Die Verpflegungsration umfasst die gesamte syrische Küche mit Gerichten aus Fleisch, Bohnen, allerlei Süßigkeiten. Ein Packung Zigaretten gibt es alle zwei Tage. Aber sie sind so stark, dass dies ausreicht. Auch die Bevölkerung vor Ort bringt jeden Tag Lebensmittel für uns vorbei, denn wir und die Armee sind ihre letzte Hoffnung.

Möglich ist, dass in abgelegenen Orten, wo die Ortsbewohner die ganze bei ihnen vorhandene Uniform und die Waffen gesammelt haben, sie sich mit der Armee verbunden und gesagt haben, dass jetzt so viele Menschen dort Teil der Miliz geworden sind,- da kann es schon einige Versorgungs- und Nachschubprobleme geben. Aber in Damaskus ist es diesbezüglich wie in einem Kurort. Die Milizangehörigen zahlen nichts, stattdessen gibt Assad ihren Familien allerlei Ermäßigungen.

Frage: Wie ist allgemein die Beziehung zwischen der Armee und der Miliz?

Antwort: Ein Unterstellungsverhältnis. Die Opposition stellt „Shabiha“ gerne als Barbaren dar, welche die Regierung unter ihre Fittiche genommen hätte, so dass die Kämpfer dies ausnutzen würden und nur auf Raub und Vergewaltigungen aus wären. Mit der Wahrheit hat dies überhaupt nichts zu tun.

Natürlich können Zivilpersonen auch zu Todesopfern der Regierungstruppen werden. Aber leider ist dies ein Merkmal des Häuserkampfes in der Stadt. Manchmal werden diese Verluste vermieden, aber um so mehr verstecken sich die Islamisten hinter und als Zivilpersonen. Würden wir alle verschonen, die den Feind unterstützen, wäre das Parlament längst zertrümmert. Panzer würden eines Tages losrollen, vor allem weil einige Hitzköpfe seit langem danach rufen.

Aber Assad will dies nicht. Im Gegenteil, er zahlt selbst jenen Beamten weiterhin die Gehälter, die jetzt für den Islamischen Staat arbeiten. Unser Ziel ist nicht, den Völkermord zu arrangieren, sondern das Land zu einen. Deshalb wird uns vor jedem Kampfeinsatz gesagt, dass wir keinesfalls auf Zivilpersonen schiessen sollen. Stirbt eine Zivilperson, im Einzelfall konkret erwiesen, dann geht dies auf Antrag bis vor ein Gericht.

Frage: Geben Sie konkreter an, wie die Beziehungen zwischen „Shabiha“ und Armee strukturiert sind.

Antwort: Die Armee gibt die Aufgabe vor. Sie stellt alle relevanten Informationen bereit. Sie sorgt für die Unterstützung usw. Sie stellt uns Instrukteure zur Seite.

Mit der Erlaubnis von Assad trainierte die Hisbollah die Milizeinheiten dort, wo die Armee dies nicht tun konnte. In abgelegenen Ortschaften können Milizeinheiten vielleicht nur sporadisch kommunizieren. Aber Unterstützung gibt es nur dann, wenn sie als Teil der Miliz betrachtet werden. Im Klartext: Die Miliz ist die natürliche Verlängerung der Armee.

Die Kommunikation erfolgt durch die Kommandeure. Alle Dinge werden von der Armee und erforderlichenfalls von den zivilen Behörden entschieden. Auf eigenes Risiko wird nichts unternommen. Entscheidet die Miliz, dass es für die Verteidigung notwendig ist, ein Haus abzureissen, dann muss erst die Genehmigung der örtlichen zivilen Behörden dafür eingeholt werden.

Natürlich gibt es Momente, wo man keine Zeit für Nachfragen hat. Aber in so einem Fall müssen die Tatsachen hinterher genau dokumentiert werden. Und bei der Rotation sieht es so aus, dass mein Kommandeur 4 Jahre lang in der Armee als Sergeant Kriegsdienst leistete, verwundet wurde und zur Miliz ging. Generell gibt es in der Miliz Freiwillige, welche durch ihre herausragenden Leistungen in den Gefechtshandlungen in die Armee überführt werden können.

Frage: Und wieviele Kämpfer waren in der Einheit?

Antwort: Nur wir 21. Trotz der Tatsache, dass die Schwadron auf Territorialbasis gebildet werden sollte, hatten wir 3 Christen aus Aleppo, 2 Freunde in von der ISIS erzwungener Flucht nach Damaskus mit anschliessendem Anschliessen an die Miliz sowie einen libanesischen Freiwilligen. Es besteht eine sehr starke Atmosphäre der Brüderschaft unter den Bewaffneten, so dass wir keinerlei religiösen Auseinandersetzungen, Reibereien oder ähnliches hatten. Alle begreifen, wer unser gemeinsamer Feind ist. Und die ganze Wut wird an ihm ausgelassen.

Mehr noch,- unter uns waren einige Leute, die am Anfang des „arabischen Frühlings“ an Demonstrationen gegen die Regierung teilgenommen hatten. Aber jetzt ist Assad für sie so etwas wie eine Ikone! Und so ist das überall.

Als ich nach Syrien ging, hielt ich die sowjetischen Losungen wie „Für die Heimat! Für Stalin!“ für eine Farce. Aber in Damaskus erlebte ich selbst, wie die Leute in den Angriff losstürmten und riefen „Allah! Syrien! Bashar!“, „Unser Blut und unsere Seele für Dich, Bashar!“, usw.

Frage: Was ist die Hauptaufgabe der Miliz?

Antwort: Die Miliz erwuchs nicht aus einer grossen Liebe, sondern aus der Notwendigkeit, um in die Breschen zu springen, als in den ersten Jahren des Krieges die Armee einige Male „abmagerte“. Jetzt kann sie manövrieren, aber wir halten die eingenommenen Stellungen. Beispielsweise verbrachten wir eine ganze Woche hockend in einem Haus, welches keilförmig in die Stellung der Kämpfer hineinragte. Ich weiss nicht, in welcher Organisation sie waren, womöglich in der ISIS. Doch ist dies auch gar nicht wichtig, da sie ständig von einer Organisation in eine andere Organisation wechseln.

Frage: Somit waren Sie am 1. Tag bereits an der Front? Prüfte der Kommandeur da gleich ihre Fähigkeiten?

Antwort: Ja, eine lächerliche Geschichte ereignete sich in der Vergangenheit. Ich erhielt eine militärische Ausbildung in Syrien, wodurch ich Scharfschütze wurde. Aber als wir in Stellung gingen, stellte sich heraus, dass ich nicht mal die Dose vom Fass in einer Entfernung von 100 Metern von mir holen konnte. Infolgedessen haben sie mir einen normalen Schützen zugeordnet, da es keine Dienstgrade in der Einheit gab, so dass man entweder Soldat oder Kommandeur war. Und so stand ich von der ersten Nacht an im Kampfgeschehen, denn tagsüber bei einer Hitze von 40 Grad ist das auch etwas schwerer. Wurde es dunkel, bestand unsere Aufgabe darin, dem Feind keinen Nachtschlaf zu ermöglichen.

Die stärksten Gefechte begannen gegen 18 und 19 Uhr, als die Hitze nachliess. Dennoch wurde mir von unserem Kommandeur gesagt, dass selbst die schwersten Gefechte um unsere Stellung herum nichts im Vergleich mit dem Geschehen in Nordsyrien ist, wo die Islamisten schwere Artillerie, Panzer und Artillerie-Trucks zum Bombardieren einsetzen. Wo wir in einer Woche 6 getötete Menschen zu beklagen haben, und dies dann noch wegen ihrer eignen Fehler, gibt es demgegenüber in Nordsyrien zuweilen ca. 300 Tote in einer Nacht.

Frage: Und was führte zum Tod jener 6 Menschen?

Antwort: Am zweiten Tag meines Aufenthalts eilten sie der Nachbareinheit zu Hilfe, die ein Haus mit Islamisten eingenommen hatte. Sie gingen in das Gebäude, aus dem die Bewaffneten bereits geflüchtet waren. Alle hatten die Erstinstruktionen erhalten, dass zuerst die Pioniere in so ein Gebäude zu gehen haben, weil die Islamisten stets jedes Haus verminen, bevor sie es verlassen. Sie vergaßen dies, machten den Fehler und fielen der Explosion zum Opfer.

Frage: Wussten Sie, wo Ihre Feinde waren?

Antwort: In der Nacht des 3. Tages fingen wir einen islamistischen Kämpfer. Das war ein Syrer aus Aleppo, der zugab, dass er vom ISIS war.

Im nächsten Häuserblock hatte er eine armenische Familie, eine Frau und ihre vierjährige Tochter durch Enthauptung ermordet. Er kletterte zu ihnen in die Wohnung, als er der Verfolgung durch die Milizkämpfer entkommen war. Dann ging er offenbar weg und versuchte in das Rathaus einzudringen. Aber da er sich vor Ort nicht auskannte, verirrte er sich und kam bei uns an.

Sollte sich jemand Sorgen um ihn machen, dann ist dies nicht nötig. Er ist am Leben. Wir übergaben ihn der Militärpolizei.

Frage: Aber wie haben Sie erkannt, dass er aus Aleppo war?

Antwort: Am Akzent. Die arabische Sprache ist wie das Latein im Mittleren Osten. Sie wird von allen verstanden, aber das Volk spricht seine lokalen Dialekte. Und wenn Menschen hocharabisch sprechen, sind sie entweder sehr gebildet oder keine Syrer und keine Araber und kennen die Sprache aus dem Koran. So habe ich unter den Kämpfern und Emigranten Leute aus der ehemaligen Sowjetunion und dem Nordkaukasus identifiziert. Es gibt eine Menge von ihnen dort. Und sie sind eiskalt.

Frage: Sie gehen in aufrechter Haltung in den Angriff?

Antwort: Genau. In der Nacht nach der Gefangennahme eines ihrer Kämpfer versuchten die Islamisten, unser Haus einzunehmen. Und sie stammten aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie schrien „Allah Akbar“ und etwas vom Stolz islamischer Kämpfer.

Voll aufrecht stehend trafen sie auf unsere Schnellfeuersalven. Möglicherweise waren sie unter Drogen oder betrunken. Aber im allgemeinen ist dies im Kalifat nicht der Fall und nicht willkommen, darauf steht auch die Todesstrafe. Genau an jenem Tag griffen sie uns mit 30-40 Leuten an, von denen wir ca. ein Dutzend töteten.

Frage: War das schrecklich?

Antwort: Vor allem war ich ängstlich bei der Ankunft. Oder besser gesagt, ich fühlte nicht mal Furcht, sondern eine wüste Aufregung. Alle Sinne waren blockiert. Und man sitzt da wie gelähmt. Aber wenn man zu schiessen beginnt, hat man keine Zeit mehr zum Fürchten. Freilich erscheinen immer wieder Menschen, die es nur in Stellungen aushalten, wo nicht gekämpft werden kann. Beim Gefecht verfallen sie in eine völlige Erstarrung, unfähig irgendwas zu tun, niemand kann sie hören. Sie werden dann sofort nach hinten geschickt, um beispielsweise im Lazarett auszuhelfen. Das ist nicht weiter schlimm. Hauptsache, sie hatten die moralische Kraft, um überhaupt in der Stellung anzukommen.

Frage: Was taten Sie, um nicht Ihre Selbstbeherrschung zu verlieren?

Antwort: Ich versuchte, mir leise oder laut die Handlungsabläufe einzuprägen. Dies half mir, mich zu konzentrieren. Beispielsweise sagte ich zu mir selbst: „Der Feind läuft auf mich zu. Schutzvorrichtung prüfen, anvisieren und schiessen. Ist das Gefecht vorbei, muss über alles berichtet werden.“

Dies half mir bestens. Und nachdem der Kampf begonnen hatte, steht da am Ende ein schwerer Raucher, und seine Hände zittern.

Aber in der ersten Nacht nach meiner Ankunft brach in mir Panik aus, weil die islamistischen Kämpfer auf unser Haus mit Panzerabwehrgranaten feuerten und ein Stück von der Wand auf meine Schulter krachte. Ich begann zu schreien, dass ich verwundet bin. Und die ganze Abteilung hat die Ohren gespitzt. Und dann lernte ich die arabische Variante des russischen geflügelten Wortes „lügt wie Trotzky“ kennen. Aber den blauen Fleck trage ich bis heute.

Frage: Gab es konkret Momente, wo nicht nur Sie auf Nadeln gesessen haben?

Antwort: So viele wie einen halben Tag lang. Am 5. Tag lernte ich kennen, was Tunnelkrieg bedeutet. Es stellte sich heraus, dass während wir unser Häuschen verteidigten, die Islamisten sich unter der Erde zu uns durchgruben. Ich weiss nicht mehr, wie lange dies dauerte, ob einen Monat lang oder länger. Tatsache ist, dass wir eines Tages herausfanden, dass die Islamisten hinter uns aus der Erde herausgekommen waren und ein vierstöckiges Gebäude einnahmen, welches auch noch das höchste Gebäude in jenem Stadtteil war, denn alle anderen Gebäude waren zwei- bis dreistöckig.

Natürlich setzten sie dort Maschinengewehr- und Scharfschützen ein. Und wir waren in einem kleinen Kessel eingekreist. Wer wollte, konnte 200 Meter durch Kugelhagel weglaufen, aber wünschenswert war dies für niemand. Statt dessen setzten wir uns mit den Stäben der Armee-Einheiten in Verbindung. Und sie sagten, dass sie die Sache lösen werden.

Die Entscheidungen wurden binnen eineinhalb Tagen getroffen. Dann fuhren sie mit einem Schützenpanzerwagen, einer Sturmangriffsgruppe und zwei Milizeinheiten zu uns. Erst gingen sie mit dem schweren Maschinengewehr zum Angriff über und feuerten zwei Stunden lang auf das feindlich besetzte Gebäude. Danach gingen wir von allen Seiten in den Angriff.

Im Ergebnis des Gefechts haben sie unserem Kommandeur einen Finger an der Hand abgeschossen. Wir töteten 8 Islamisten. Generell war in ihrem Gebäude mehr Raum. Aber klüger war es für sie, sich über den Tunnel zurückzuziehen.

Damit sind eigentlich alle meine Heldentaten zu Ende gegangen. Denn für mich wurde es höchste Zeit zurückzukehren.

Frage: Man zog sie rechtzeitig da raus. Aber mit den Menschen vor Ort konnten sie sprechen. Was denken sie über den Krieg?

Antwort: Aller sind sehr kriegsmüde. Aber sie unterstützen Assad, weil sie verstehen, dass es ihnen viel schlimmer ergehen wird, wenn die Islamisten siegen werden.

ISIS nimmt niemand gefangen. Haben sie jemand umstellt, so denken sie nicht daran, wieviele Kämpfer sie auslösen könnten, wenn sie welche gefangennehmen. Selbst die weltliche Opposition hat begonnen, die Amnestie zu benutzen, um sich vor den Islamisten zu retten. Auf der Seite der Islamisten blieben nur die ärmsten Schichten der Bevölkerung.

Dabei bleibt die Mehrheit der Flüchtlinge in Syrien, ungeachtet der jüngsten Nachrichten. Die Regierung bemüht sich, keine Zeltlager zu schaffen und siedelt sie in den Bürogebäuden an. Die Reichsten reisen aus nach Iran und Libanon, um das Business von dort aus fortzusetzen. Aber jene, die etwas ärmer sind, ziehen in die Europäische Union.

Ungeachtet der riesigen Schulden und des völligen Chaos in der Wirtschaft gibt Syrien das meiste Geld für den sozialen Sektor aus. Es werden weiterhin Kinderzentren, Schulen, Krankenhäuser und so weiter gebaut. Die Gehälter werden sogar jenen Beamten ausgezahlt, die für ISIS arbeiten.

Die Wahhabiten bauen ihren Staat auf. Aber aus Mangel an eigenen Fachkräften sind sie gezwungen, sich auf die syrischen Beamten in den okkupierten Städten zu stützen. Einige Beamten sind so recht gut untergekommen, da sie Geld sowohl von Damaskus als auch von Raqqi bekommen. Generell macht Assad alles, um zu beweisen, dass sich Syrien im Unterschied zu den Terroristen um seine Bürger kümmert.

Frage: Sie sprechen über ISIS. Aber es gibt viele verschiedene Gruppen. Besteht für die Bevölkerung vor Ort zwischen denen keinen Unterschied?

Antwort: Was für einen Unterschied macht es schon aus, wer jemandem den Kopf abschneidet? Diese islamistischen Gruppen werden nur vom Militär unterschieden. Weil es für das Militär wichtig ist zu wissen, mit wem ein taktischer Waffenstillstand vereinbart wurde. Und für die Wissenschaftler ist es wichtig, denn die Studien führten zu allerlei … .

Gut, da gibt es die Freie Syrische Armee. Aber sie umfasst maximal 10% aller Rebellenstreitkräfte. Die Leute vor Ort wollen weder mit ihnen zu tun haben noch möchten sie darüber reden. Ihre Forderungen werden auch allmählich erfüllt. Um den Islamisten entgegenzutreten, muss Assad einen Dialog mit dem Volk führen. Sie fordern den Rücktritt von Assad. Aber warum denn, wenn jederman weiss, dass er jetzt jede saubere Wahl gewinnen würde?

Frage: Gibt es für die Bevölkerung vor Ort einen Unterschied zwischen einem ausländischen Islamisten und einem einheimischen Islamisten oder nicht?

Antwort: Sehr wohl gibt es das. Die Gäste spucken auf die Ordnung vor Ort. Das geht so weit, dass sogar die Beduinenstämme nahe Raqqa, die erst ISIS herbei riefen, jetzt zu Assad überlaufen, weil sie nicht unter den neuen Bedingungen leben können.

Die Flüchtlingswellen fangen dann an, wenn die Islamisten in weitere Ortschaften vorstossen. Die Milizangehörigen, mit denen ich gesprochen habe, meinten, dass sie mit der Mission leben, die Welt vom grossen Haufen Scheisse zu säubern, mit welchem sie dorthin gekommen sind. Sie bedauerten nur, dass sie zu uns nach Syrien, nicht jedoch nach Saudi-Arabien, in die Türkei oder die USA gekommen sind, die sie finanzieren.

Frage: Was ist die allgemeine Haltung gegenüber den Saudis?

Antwort: Vor dem Krieg war keiner der Golfstaaten beliebt, und zwar wegen ihrem Obskurantismus. In Latakia gibt es zum Beispiel einen Coffeeshop, bei dem auf einem Schild zu lesen steht „Saudis und Hunde werden nicht bedient“.

Saudi-Arabien wird wegen seiner Brutalität, Rückständigkeit und Barbarei sowie seinen kulturlosen Stolz auf die grossen Erdölreserven nicht geliebt. Demgegenüber betrachten sich die Syrer selbst als die Erben der alten Zivilisationen.

Frage: Und was denken Sie über Russland?

Antwort: Die Unterstützer von Assad haben eine sehr gute Haltung gegenüber Russland seit den Tagen der UdSSR und jetzt gar noch mehr. Wenn jedoch die Islamisten wissen, dass man ein Slawe ist oder eine slawische Frau hat, dann werden sie so einen Mann töten, denn seit dem Tschetschenienkrieg wird Russland als einer der Hauptfeinde von den Islamisten angesehen.

Frage: Deutliche Worte. War es schwer, sich von der Einheit zu verabschieden?

Antwort: Das war peinlich. Ich konnte irgendwo hingehen, aber sie nicht. Ich hatte mich mit ihnen allen angefreundet. Im nächsten Jahr will ich wieder dorthin. Als ich dorthin fuhr, dachte ich mir, dass der Feind wie eine unsterbliche Horde sein wird. Es stellte sich heraus, dass ich die Möglichkeiten der Islamisten überschätzte. Sie sind sterblich wie jeder andere Mensch auch.

Frage: Denken Sie, dass der Krieg nicht irgendwann aufhören wird?

Antwort: Nein, natürlich denke ich das nicht. Zu diesem Zweck übernahm der Staat die Kontrolle über die türkische Grenze beispielsweise im Küstengebiet und über die jordanische Grenze an den Golan-Höhen. Damit wird der Zustrom von Islamisten aus diesen Richtungen gestoppt. Und mit den verbleibenden Kämpfern werden wir rasch aufräumen.

Alle Syrer wissen, dass die Türkei, Saudi-Arabien, Israel und die USA den Islamisten derzeit mit Waffen und Geld helfen, ihnen ihr Erdöl abkaufen. Angeblich helfen sie nur der weltlichen Opposition. Aber faktisch geben sie derzeit Waffen an die Freischärler. Über die Freie Syrische Armee werden Waffen überall hin verteilt.

Dabei kann Syrien nur verlieren, wenn eine Flugverbotszone eingerichtet würde. Die Türkei unterstützt die Rebellen offen. Und die Anti-ISIS-Koalition spricht sich öffentlich gegen Syrien aus.

Frage: Verspürten Sie eine Veränderung, als Sie nach Russland zurückkamen?

Antwort: Ich verstehe nicht, wie Sie hier so ruhig vor sich hinleben. Die Träume sind mir abhanden gekommen. Als ich dort war, konnte ich nur vor völliger Erschöpfung einschlafen. Die Liebhaber der Schußsalven hasste ich. Und ich sehe ständig auf meine Beine, damit ich die Mine unter mir nicht berühre.

Aber in jedem Fall könnte ich es nicht unterlassen, einen kleinen Beitrag für den Kampf gegen ISIS selbst zu leisten. Mein Bruder sagt, dass in Nordsyrien es täglich so ist, als ob die rettenden Soldaten ständig weniger werden. Die Verluste beider Seiten sind riesig, niemand hat Mitleid selbst mit Freunden, fast nie werden Gefangene gemacht, sogar die Ohren werden als Souvenirs abgeschnitten …

Frage: Möchten Sie ihren Kampfgefährten und Feinden etwas mitteilen?

Antwort: Für die Miliz und die Soldaten: Ihr seid alles beste, normale Menschen. Und das Volk ist mit Euch, Männer. Und für die islamistischen Kämpfer … das wird wohl schlecht ausfallen, wenn das Interview mit den Worten „Ich werde Euch alle töten“ endet, oder? Man muss schon ein völliger Idiot sein, um für das Kalifat in den Krieg zu ziehen.

Ich werde am Ende besser einen Witz erzählen. 

Die Soldaten nahmen einen Islamist gefangen. Er bat, ihn um 13 Uhr zu erschiessen. Sie fragen ihn, warum um diese Zeit? Er sagt, dass er dann Zeit für ein Mittagessen für den Prophet Mohammed und Shahid haben wird.

Die Meldung darüber ging an den Offizier. Der Offizier sagt, dass er ihn um 14:15 Uhr erschiesst.

Frage: Warum?

Er sagt, dass es so aussieht, dass er Zeit haben wird, das ganze Geschirr noch abzuwaschen.

P. S. Fotografiert zu werden, lehnte Michelle ab und sagte, dass die ISIS ihn nicht identifizieren soll.

Artur Awakow

http://www.mk.ru/politics/2015/09/08/spasti-bashara-asada-otkroveniya-dobrovolca-o-voyne-v-sirii.html

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